Die Wellen um die Filbinger-Rede von Ministerpräsident Oettinger schlagen immer höher. Nachdem ich schon einige Kommentare auf Libertas-Cara geschrieben habe, hier noch weitere Überlegungen. Ausgangspunkt ist die Rechfertigung Oettingers, über die man heute auf Spiegel.de folgendes lesen kann:
In einem offenen Brief an seine Kritiker räumte Oettinger nun die Möglichkeit ein, dass seine Worte zu einem „Missverständnis“ geführt haben könnten. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Geschichtsverfälschung und der Verhöhnung von NS-Opfern wies er jedoch zurück. Auch auf die vielfach geforderte Entschuldigung verzichtete er.
Damit hat der Ministerpräsident seine zahlreichen Kritiker offenbar nur noch wütender gemacht.
Die von mir schon vorausgesehene Rücktrittsforderung aus dem SPD-Lager folgt natürlich:
Erstmals legte auch Vogt dem Ministerpräsidenten den Rücktritt nahe: „Oettinger ist den Anforderungen seines Amtes offenkundig nicht gewachsen.“ Er sei sich „der Dimension seines Handelns“ nicht bewusst.
Es mag ja sein, dass Oettinger im Vorfeld nicht abschätzen konnte, was die Folgen seiner Rede sein würden. Es ist jedoch eine Illusion der SPD (ganz besonders von Frau Vogt), wenn sie hofft, dass dadurch das Ansehen Oettingers in der Bevölkerung schrumpfen würde bzw. wenn sie darauf spekuliert, dass die CDU dadurch Wähler verliert (und die SPD bei der nächsten Wahl gewinnt).
Ich vermute nämlich, dass weiten Teilen der Bevölkerung diese Diskussion relativ egal ist. Die Passage aus Oettingers offenem Brief, stößt sicherlich bei einem Großteil der Baden-Württemberger auf Verständnis:
„Es gehört in unserem Kulturkreis zu den üblichen und angemessen Gepflogenheiten einer Traueransprache, Verdienste und das Lebenswerk des Verstorbenen positiv zu würdigen und ihm die schwierigen Phasen seines Lebens – ohne sie zu verschweigen – nicht nachzutragen.“
Natürlich ist es nochmal was anderes, schwierige Passagen „nicht nachzutragen“ und zu behaupten, Filbinger wäre kein Nazi gewesen. Aber das ist an dieser Stelle gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass Oettinger nicht anfängt, wild um sich zu argumentieren. Er erweckt zumindest den Eindruck, dass er diese „hysterische Debatte“ nicht weiterführen will – und spricht damit den Wählern aus der Seele. Die wollen nämlich nicht, dass sich Politiker mit der Vergangenheit von Toten beschäftigen, sondern mit der aktuellen Situation. Einen Wahlkampf mit der Filbinger-Affäre zu führen, wird nichts bringen, denn die Schwaben werden sagen „lasset den Mann in Frieda, der isch dod!“
Ein weiterer Pluspunkt für Oettinger liegt in der Mentalität der Schwaben, von denen in der württembergischen Hymne Graf Eberhard im Barte folgendes sagt:
Doch ein Kleinod hält’s [Anm. sein Land, also Schwaben] verborgen
Daß in Wäldern noch so groß
Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Untertan in Schoß.
Der größte Schatz der Schwaben ist demnach, dass sie ihren jeweiligen „Herren“ folgen und nicht gegen sie aufbegehren (solange sie zufrieden sind). Für einen Ministerpräsidenten (bzw. seine Partei) bedeutet dies, dass er, solange er gute Arbeit macht und alle zufrieden sind, von seinen Wählern (!) nichts zu fürchten hat (das ist übrigens nicht nur in BW so). Eine Debatte um die Nazivergangenheit eines Toten wird daran nichts ändern.