Der Spießer und seine Schuld

Mittwoch, 16. Januar 2008 von Tobias

Nachlesenswert: Der Zeit-Autor Jens Jenssen hat in seinem Video-Kommentar einen Diskussionsbeitrag zum Angriff der ausländischen Jugendlichen auf den Rentner in der Münchner U-Bahn geliefert.

Unter anderem sagt er darin:

Man fragt sich doch, ob dieser Rentner, der sich das Rauchen in der Münchener U-Bahn verbeten hat und damit den Auslöser gegeben hat zu einer zweifellos nicht entschuldbaren Tat, eben sicher nur in der Kette einer unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen zu sehen ist, die der Ausländer, namentlich der jugendliche, hier ständig zu erleiden hat.

Das nimmt die Bildzeitung zum Anlass, gegen ihn zu schießen. Und „kritische“ Kommentare zu Jenssens Beitrag sind in großer Zahl eingegangen, wie man bei der Zeit selbst nachlesen kann.

Zur Qualität der Kommentare lasse ich mich an dieser Stelle nicht aus, sie zeugen wieder einmal davon, wie rabiat, besserwisserisch und radikal einzelne Elemente der Gesellschaft gegen Meinungen vorgehen, die nicht dem Mainstream (oder ihrem persönlichen Eindruck davon) entsprechen.

Ich möchte jedoch an dieser Stelle auf Jens Jenssens Antwort bei der Zeit verweisen („Erschrocken„), wo er sich zu den Vorwürfen aus den Kommentaren äußert.
Sowohl den Vorwurf des „1. Klasse-Fahrers“ als auch den des verkappten Leninisten entkräftet er und hält gleich zu Beginn fest:

Keineswegs habe ich, wie mir die meisten unterstellen, die an der Münchener Gewalttat beteiligten Ausländer zu rechtfertigen versucht. Die Pointe bestand ja gerade darin, dass es sich um bekannte Intensivtäter handelte, die für die Masse der hier lebenden ausländischen Jugendlichen gerade nicht repräsentativ sein können: umso fragwürdiger, dass an den Münchner Vorfall eine Ausländerdebatte geknüpft wurde.

Auch wenn ich den Beitrag von Jenssen an vielen Stellen für überzeichnet halte – damit hat er Recht. Denn es ist kaum verwunderlich, dass die Intensivtäter auf diese Weise reagiert haben. Die Frage ist doch: Hätten alle ausländischen Jugendlichen so reagiert und den Rentner verprügelt? Hier kann man meines Erachtens nicht „ja“ sagen, aber es gibt einige in Deutschland, die so tun, als könne und müsse man das.

Natürlich sind die Täter schuld an der Tat, und nicht der Rentner. Man darf jedoch tatsächlich nicht unterschlagen, dass die Ursache der Tat der Hinweis des Rentners auf das Rauchverbot war. Damit hatte er natürlich Recht. Aber Recht haben allein hilft nicht – schon gar nicht gegen unerschrockene Kriminelle (die ja, wie der Ausdruck kriminell schon zeigt, eben nichts vom Recht halten).

Hätte er deutsche Jugendliche mit ähnlichem kriminellen Hintergrund darauf hingewiesen, wäre der Effekt unter Umständen der gleiche gewesen. Nur, dass dann weder Koch noch die Bildzeitung einen Grund für die Aktionen der letzten Wochen gehabt hätten.

Nochmal Jenssen:

Und ich beharre allerdings darauf, dass Deutschland ein Spießer-Problem hat. Und dass in diesem Land mit unerbetenen und zudringlichen Ermahnungen, Ratschlägen, Besserwissereien und scheelen Blicken jeder Ausländer schlechte Erfahrungen macht, auch Briten, Franzosen oder Österreicher.

Ich glaube, er hat damit zumindest nicht völlig unrecht. Schlechte Erfahrungen mit Einheimischen machen aber alle Ausländern überall in der Welt… in manchen Ländern werden sie belächelt, in manchen mißtraut man ihnen, bei uns ermahnt man sie besserwisserisch und in den meisten Ländern werden sie einfach nur beschissen.

8 Reaktionen zu “Der Spießer und seine Schuld”

  1. Joachim

    Warum Du den Kommentar von Jens Jenssen verteidigst, wird mir auch nach Lesen deines Beitrags nicht klar.

    Der erste von Dir zitierte Abschnitt erübrigt im Wesentlichen eine Verteidigung, da er doch tatsächlich eine Unverschämtheit ist. Die Kurzfassung: Gäbe es nicht so viele Spießer – und einer davon ist der Rentner in der U-Bahn – wäre auch niemand verletzt worden.

    Danach dreht sich die Argumentation im Kreis: Zunächst wird die Tat mit den Gängelungen, „die der Ausländer, namentlich der jugendliche, hier ständig zu erleiden hat“, entschuldigt.

    In der Reaktion wird nun auf einmal davon abgesehen und darauf verwiesen, dass es genauso gut ein Deutscher hätte sein können – wenn er denn ein Intensivtäter sei.

    Mal angenommen diese letzte Aussage von Jens Jenssen stimmt: Wieso regen sich dann alle über Koch auf, wenn er behauptet, der Strafvollzug sei zu milde?

    Zusammenfassend erscheint mir Jens Jenssen zu sagen: Wenn die spießige Mehrheit endlich aufhören würde frei herumlaufende Intensivtäter, die – ob Deutsche oder Ausländer – erst durch die Spießigkeit zu solchen gemacht wurden, zu gängeln, dann würde es uns allen besser gehen.

    Das ist doch wirklich total krank!

  2. Tobias

    Es ging mir nicht darum, Jenssen inhaltlich in jedem Punkt zu verteidigen. Mir ging es in erster Linie darum, ihn darin zu verteidigen, dass er solche Meinungsäußerungen überhaupt machen darf (was ihm von vielen abgesprochen wird, siehe Kommentare.)

    Mal abgesehen davon, dass der erste Abschnitt aus dem Zusammenhang gerissen ist – er ist natürlich trotzdem unverschämt. Denn wie ich bereits feststellte, hatte der Rentner ja Recht und kann darüberhinaus nix für die (angeblichen) Gängelungen der anderen.

    Ich glaube, dass das Fazit, das du aus den Beiträgen von Jenssen ziehst, gezogen werden kann – aber nicht vom Autor beabsichtigt ist. Er möchte sich eigentlich gegen die falschen Schlüsse richten, die aus dem angesprochenen Problem „Intensivtäter werden zur Schablone für alle ausländischen Jugendlichen“ resultiert. Und mit seiner Spießergeschichte spielt er im Prinzip damit, dass man das ganze natürlich gutmenschenhaft umdrehen könnte und die Täter damit zu Opfern macht. Das ist Blödsinn (wie ich oben schon festgestellt habe), ist aber im Grunde nichts anderes, als regelmäßig die „Gegenseite“ macht.

    Dass Intensivtäter hart bestraft werden müssen steht außer Frage. Und es kann, wie du richtig sagst, auch keine Lösung sein, die Intensivtäter nicht durch Spießigkeit zu provozieren, damit nichts passiert. Das wäre die Perversion von Recht und Ordnung.
    Aber es gibt im Zusammenhang mit der Kriminalität und der Situation von Ausländern (bzw. von Menschen mit Migrationshintergund) in Deutschland eben nicht einen klaren Grund und eine klare Linie (wie es manche gerne hätten). Das ist letztlich wie im Israel / Libanon / Palästinenserkonflikt – sobald man einer Seite zu viel Gewicht gibt, verfälscht man alles.

    Es ist krank, den Deutschen die Schuld an der Kriminalität der Ausländer zu geben. Denn dann wären konsequenterweise alle kriminell. Es ist aber auch falsch, im Stil der Bildzeitung alle über einen Kamm zu scheren, und die Kultur, Religion oder Familie verantwortlich zu machen. Dann wären auch alle kriminell (wird ja auch suggeriert), ist aber nicht so.

    Über Sinn und Zweck eines härteren Strafvollzugs lässt sich streiten. Das Problem ist wie oben bereits ausgeführt zu komplex, um es mit einer einfachen Verschärfung des Strafrechts zu lösen. Koch und Konsorten erwecken jedoch den Eindruck, dass sich dadurch schnell etwas ändern würde. Und das glaube ich nicht. Und Jenssen auch nicht.

    Zumindest darin bin ich mit ihm einig.

    PS: Mein Schluss relativiert doch das gesamte Jenssensche Denkkonstrukt. Ich hoffe, das ist klar geworden. Wenn nämlich alle Ausländer überall Schwierigkeiten mit Einheimischen haben, ist das „Spießerproblem“ nicht mehr eine Sache, die nur die Deutschen betrifft, sondern die Menschen überhaupt.

  3. Joachim

    Ich kann eines nicht beurteilen, das in dieser Debatte scheinbar immer wieder sehr wichtig ist: Da ich seit Wochen noch nicht einmal mehr die Titelseite der Bild angeschaut habe, habe ich keine Ahnung welche Rolle sie dabei spielt.

    Du hast aber natürlich Recht: Ich glaube auch (und so habe ich Dich u.a. verstanden), dass es Ausländer in Deutschland schwer haben und ich glaube auch, dass dies neben angemessenem Strafvollzug zu bedenken ist.

    Ich stimme Dir auch darin zu, dass ein härterer Strafvollzug wohl keine Wunder wirken wird. Dennoch verstehe ich nach wie vor nicht, wieso alle über Koch so aufgeregt sind: Einen Versuch ist es doch alle mal wert.

    Koch tritt weder für Folter, noch für die Todesstrafe ein. Er fordert einfach härteres Vorgehen bei jungen Straftätern. Das kann man als Wahlkampfgetöse abtun. Das kann man auch überflüssig finden. Die unglaubliche Schärfe der Gegenseite – und dazu zähle ich Jenssens Artikel – finde ich wirklich wahnsinnig peinlich.

    Ich befürchte auch, dass Jens Jenssen genau das meint, was ich rausgelesen habe. Zeit-Redakteure sind eigentlich ja wortgewandt genug, um sonst solche Missverständnisse zu vermeiden.

  4. Joachim

    P.S.: Ist dir schon einmal aufgefallen, dass in Deinem Blog, obwohl es gut ein Jahr jünger ist als meines und Du auch einen Autor weniger hast, dennoch fast 150 Beiträge mehr stehen.

    Hast Du nichts zu tun? :-)

  5. Tobias

    Naja, dass ich mehr Beiträge habe, könnte daran liegen, dass ich mehr Inhalte selbst produziere und nicht nur irgendwelche Ereignisse oder Texte anderer kommentiere.
    Mit Inalten meine ich Fotos, Videos, Cartoons (für die theglade-Internetseite, die es ja auch noch gibt), die dann meistens im Blog noch einen extra Beitrag erhalten.

    Vielleicht bin ich auch einfach nur kreativer als Du :-P

  6. Joachim

    Vielleicht bin ich auch einfach nur kreativer als Du :-P

    Niemals!

    Und Fotos kann ich auch: http://www.libertas-cara.de/?p=452

  7. Tobias

    Nochmal was zu Jens Jenssen: Artikel bei FAZ.net.

  8. Joachim

    Natürlich hat der Christian Geyer in der FAZ Recht – es ist ungeheuerlich, warum viele meinen, im Internet müsste man sich an gar keine Gesprächskultur mehr halten.

    Aber – ein häufiges Problem bei Journalisten – eins sieht er nicht: Widerlich Hatzreden werden nicht besser, wenn der Autor ein hohes sprachliches Niveau hat.

    Der Untergang des Abendlandes beginnt also nicht im Internet, sondern in der Zeit: Wenn ein Kulturchef eine Schlägerei mit dem Hinweis auf die Spießigkeit des Opfers verharmlosen kann, ohne dafür hochkant gefeuert zu werden.

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