Grass und das Gras über der Waffen-SS

Freitag, 18. August 2006 von Tobias

Alle Welt redet von Günther Grass, bzw. von seinem neuen Buch, bzw. von seinem „Geständnis“, dass er bei der Waffen-SS war. Libertas Cara hat darauf hingewiesen, dass Grass damit seine Glaubwürdigkeit verspielt habe. Das ist eine zweideutige Aussage, denn schließlich kann die Glaubwürdigkeit darunter leiden, dass er bei der Waffen-SS war, oder darunter, dass er mit dieser Geschichte mehr Bücher verkaufen will.
Nun gibt es bereits Stimmen, die Grass dazu auffordern, seine Danziger Ehrenbürgerschaft zurückzugeben, und auch von anderer Seite haut man auf ihn ein.

Wie auch immer man es sieht, ich möchte auf Folgendes hinweisen, vor allem, nachdem ich vorhin auf Phoenix ein Interview mit ihm gesehen habe:

Grass hat immer freimütig zugegeben, dass er in der Hitlerjugend war. Und dass er mit 16 einberufen wurde. Er hat allerdings nie zugegeben, dass er zur Waffen-SS einberufen wurde. Grass selbst meinte, dass er keinem einen Vorwurf macht, der ihn anklagt, dies erst so spät öffentlich zu machen. Allerdings meinte er, er hatte dies einfach nicht früher öffentlich machen können, es wäre wie eine Last auf ihm gelegen. Ich glaube, dass er die Wahrheit sagt.
Man muss bedenken, dass er 16 war, ein 16-Jähriger, der seit dem 8. Lebensjahr heftigster Propaganda ausgesetzt worden war. Er wurde dieser Einheit zugeteilt, Verweigerung war unmöglich (Mein Opa kam nur dadurch um die Waffen-SS herum, dass ihm in letzter Sekunde einfiel, dass er Plattfüße hat). Mit 17 kam er in Kriegsgefangenschaft. Man schaue sich heutige 16- und 17-Jährige an, könnte man von denen erwarten, dass sie sich in jeder Lage moralisch und politisch einwandfrei verhalten?
Nach dem Krieg hat sich Grass politisch und schriftstellerisch für Frieden und unter anderem auch für die Versöhnung von Deutschen und Polen eingesetzt. Er hat Mißstände in der Gesellschaft aufgezeigt und ist als das moralische Gewissen Deutschlands aufgetreten. Vielleicht tat er dies alles auch, weil er selbst ein schlechtes Gewissen hatte und die kurze Zeit in der Waffen-SS als persönlichen Makel empfand, den er nun durch gute Taten wiedergutmachen wollte. Verwerflich ist dies jedenfalls nicht.

Gut, er war mit 16 in der Waffen-SS. Aber das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Wir haben auch einen Papst, der Flakhelfer war. Und unser ehemaliger Außenminister gehörte in seiner Studentenzeit zum Kreis der Steinewerfer. Sie haben sich alle geändert.
Man sollte bei Grass das Leben als Ganzes betrachten und nicht dieses eine Jahr über die 60 Jahre danach stellen.

Was man Grass vorwerfen könnte, ist, dass er erst jetzt mit dieser Geschichte rauskommt. Und dass er ständig sagt „lesen sie mein Buch“. Aber über ersteres kann letztlich keiner urteilen, denn niemand weiss, was Grass erlebt hat und was er fühlt. Und der zweite Punkt ist in soweit verständlich, als dass Grass natürlich sein Buch verkaufen will… Und die Werbung hat bisher ganz gut funktioniert.

7 Reaktionen zu “Grass und das Gras über der Waffen-SS”

  1. Regina

    Danke Tobi, so sehe ich das auch. Klar, Günter Grass hat sich zum „deutsche Gewissen“ gemacht, und sicher hat Karassek Recht wenn er sagt, G.G. habe mit gespaltener Zunge gesproche. Aber andererseits… er war 16. Und er hat viel dazu beigeitragen, die deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten…

  2. Joachim

    Zur Klärung der Zweideutigkeit: Die Glaubwürdigkeit hat er verloren, da er erst jetzt zugibt, in der Waffen-SS gewesen zu sein: Dass sie nicht offen mit ihrer Vergangenheit umgehen würden, verdrängen würden und dadurch verharmlosen, genau das war der Vorwurf, den er jahrzehntelang in einfacher Schwarz-Weiß-Malerei gebetsmühlenartig anderen vorgeworfen hat.

    In Bitburg 1985 hätte er doch auch darauf verweisen können, dass die dort begrabenen Waffen-SS-Angehörigen vielleicht nur ganz harmlos waren, nie geschossen haben. So wie er die Differenzierung jetzt für sich beansprucht. Grass misst mit zweierlei Maß. Da ist es schon freundlich gesagt, dass dies ein Verlust der Glaubwürdigkeit ist.

    Und noch eins zu Grass als moralischer Instanz: Mir ist nicht eine Aussage von Grass bekannt, die – außerhalb von Platitüden auf dem Niveau eine Miss Germany Wahl („Ich bin für den Weltfrieden“) – auch nur in Ansätzen intelligent war. Oder ist es eine tolle moralische Leistung, für die Umwidmung einer der Lübecker Hauptkirchen zur Moschee einzutreten, als Zeichen des guten Willens den Muslimen gegenüber? War Bitburg mutig? Seine Rede vor dem PEN-Kngress in diesem Jahr war eine tolle Darlegung einer einfachen ideologischen Weltsicht, der es vollkommen egal ist, ob daran auch nur ein Funken Übereinstimmung mit der Realität steckt. Aber eins war sie nicht: Intelligent.

  3. melville

    ich weiss nicht: ich würde auch nicht alles erzählen wollen, was ich in meiner kindheit getrieben habe. ihr?

  4. Tobias

    Das stimmt schon. Allerdings ist die Mitgliedschaft in der Waffen-SS nicht so einfach mit „normalem“ Treiben in der Kindheit zu vergleichen.

    @Joachim: Laut Grass hat er in Bitburg deshalb so reagiert, weil er fand, dass die Toten für irgendwelche Zwecke benutzt worden seine.

    Es ist immer schwierig, wenn man gegen das predigt, was man früher selbst getan hat. Als zukünftige Pfarrer kennen wir das Problem nur zu gut… Bei einigen Mitstudenten weiß ich jetzt schon, dass sie später auf der Kanzel gegen das wettern werden, das sie in ihrer Studentenzeit ständig selbst „verbrochen“ haben. Das mindert die Predigt aber in meinen Augen nicht… sonst könnten wir Hinweise auf Moral etc. nämlich grundsätzlich lassen.

    PS: Ich glaube auch nicht, dass die MitstudentInnen ihre Taten später (im Rahmen einer Moralpredigt) zugeben werden. Vermutlich erinnern sich einige auch gar nicht mehr daran…

  5. Dr. Carl-A. Neinens

    Die Grass verteidigen, fangen gern mit der Verzeihbarkeit des Vehaltens eines 17-Jährigen an. Das wirbt schonmal für Verständnis. Geschenkt. Dass er so lange dazu geschwiegen hat, wird selbst von der TAZ als „unverschämt“ bezeichnet, ebenfalls die Werbung für sein Buch mit der SS-Pointe. Nun hat er doch bereits mit dem „Krebsgang“ erlaubt, über deutsches Schicksal zu trauern. Jetzt muss er selbst den Krebsgang antreten. Kann man denn Moral predigen, wenn man sich selber ausnimmt? Kein Moralprediger ist ohne Sünde. Aber man verliert dabei an Glaubwürdigkeit. Die Grass ohnehin nie trauten, haben kein Idol verloren. Diejenigen aber, die bis jetzt noch nichts gemerkt haben, dürfen sich auch nun nicht enttäuscht geben. Also: Im Westen nicht Neues.

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