Mutige Zeugen Jehovas

Samstag, 8. April 2006 von Tobias

Gerade klingelts an der Tür und wer steht da? Die Zeugen Jehovas, die mit meinem Vater reden wollte, der aber nicht da war. Obwohl ich eigentlich keine Lust und Zeit hatte, haben sie mir ein kurzes Gespräch aufgedrängt und ich kann mich bei theologischen Diskussionen ja kaum zurückhalten. Wir redeten über die zunehmende Individualisierung von Glaube und Religion und in diesem Zusammenhang machte der eine (der Sprecher) einen folgenschweren Fehler. Er las mir diese Stelle vor (Markus 7, 6-8):

6 Er aber sprach zu ihnen: Treffend hat Jesaja über euch Heuchler geweissagt, wie geschrieben steht: «Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. 7 Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.» 8 Ihr gebt das Gebot Gottes preis und haltet die Überlieferung der Menschen fest.

Er wollte damit sagen, dass man sich nicht seine eigene Religion mit Geboten etc. basteln soll. Ich startete dann aber voll durch und meinte, dass es mich wundert, dass er ausgerechnet diese Stelle vorgelesen hat. Schließlich wäre das so ziemlich die einzige Stelle, an der praktisch innerbiblisch Kritik an zu enger Bibelauslegung geübt wird. Die Pharisäer haben sich zu sehr an den Wortsinn der Tora geklammert und sich dabei nicht an die eigentlichen Kernaussagen gehalten (Doppelgebot etc.). Übertragen könnte man dann auch sagen, man solle sich z.B. nicht zu stark an die Worte des Menschen Paulus klammern, sondern sich an die zentralen Aussagen der Evangelien halten. Die Stelle sehe ich persönlich als eine der besten Antifundamentalismus-Stellen in der Bibel neben „Der Buchstabe tötet aber der Geist macht lebendig“. (Ich war überdies kurz davor, das am Problem mit den Blutspenden und „liebe deinen Nächsten“ zu erörtern, habe es aus Zeitgründen aber gelassen).

Er versuchte dann, das Ruder rumzureißen, indem er darauf beharrte, dass es dabei um Erweiterungen der Tora ging, die die Pharisäer eigenmächtig gemacht haben. Er fand aber kein Gegenargument dagegen, dass sie dies ja wenn überhaupt, dann in wortgetreuer Auslegung der Tora gemacht haben. Es war fast schon lustig, kurz bevor ich den nächsten Agrumentationsgang starten konnte, meinte er: „ich seh schon, sie wollen weiterarbeiten – da wollen wir sie nicht länger aufhalten“ und gab mir noch nen Wachturm. Ich wette, die sind noch nie auf die Idee gekommen, die Stelle so zu lesen.
Na dann, bis zum nächsten Mal!

PS: „Always two there are, a master and an apprentice“ (Yoda). Der Lehrling hat übrigens kein einziges Wort gesagt.

Eine Reaktion zu “Mutige Zeugen Jehovas”

  1. Joachim

    Hier in Kiel gibt es eine superhübsche Zeugin Jehovas. Sie hat mir mal das Libesgebot erklären wollen. Tjaja, da hab ich doch mal überlegt zu konvertieren. :-)

    Mh, wollte ich nur mal loswerden. ;-)

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