Sozialer Aufstieg in Deutschland

Montag, 17. Juni 2013 von Tobias

Einen sehr interessanten Artikel habe ich heut auf FAZ.net gefunden: Chancengerechtigkeit. Die neue Klassengesellschaft.

Es geht darin um den sozialen Aufstieg und um die Zusammenhänge zwischen Bildung, Elternhaus und allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen. Hier einige Auszüge:

Nach dem neuesten Bildungsbericht der OECD erreichen nur 20 Prozent der Jüngeren einen höheren Abschluss als die Eltern. Im europäischen Durchschnitt sind es fast doppelt so viele. „Es ist in den letzten 20 Jahren schwerer geworden, aus Einkommensarmut oder weniger privilegierten Lebenslagen herauszukommen“, sagt auch Gert G. Wagner, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die mangelnde Durchlässigkeit sei eines der größten Probleme unserer Gesellschaft.

Dem Artikel zufolge ist der soziale Aufstieg nicht mehr in dem Maße möglich, wie es noch in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren der Fall war. Dafür spricht auch eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat über Jahrzehnte immer wieder ermittelt, ob Aufstieg durch Leistung nach Ansicht der Befragten in Deutschland möglich ist, ob jeder seines eigenen Glückes Schmied sein könne. Dabei zeigt sich: Das Vertrauen in das Aufstiegsversprechen erreichte zwischen 1963 und 1975 seinen Höhepunkt. Danach fiel es deutlich ab. Vor allem die Jüngeren aus den unteren Schichten sind entmutigt.

Wo liegen nun aber die größten Probleme, die es heute schwerer machen, den sozialen Aufstieg aus unteren Gesellschaftsschichten zu schaffen? Ein Punkt ist ein Wandeln bei den Zielen, die die Menschen für sich und für ihre Kinder haben.

WZB-Forscher Pollak spricht von den Verlustängsten einer risikoscheuen Gesellschaft. „In erster Linie versuchen Menschen, soziale Abstiege zu vermeiden“, sagt er. Der Verlust des einmal errungenen sozialen Status wiege schwerer als der verpasste Aufstieg. Die Familien investieren mehr Energie, um das erreichte Niveau für ihre Kinder zu halten, als in Karrierepläne, die über die eigene Schicht hinausreichen könnten. Während nach den Zahlen des Allensbach-Instituts 86 Prozent der Eltern aus der höheren Schicht wollen, dass der Nachwuchs das Abitur macht, sind es in bildungsferneren Kreisen nur 47 Prozent.

Dass Bildung für einen sozialen Aufstieg eine große Rolle spielt, liegt auf der Hand. Trotz der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte spielt die Herkunft im Blick auf die Bildung immer noch eine größere Rolle als dies vermutet oder behauptet wird.

Wie wichtig das Elternhaus in Deutschland für die Bildungskarriere ist, zeigten die Ergebnisse der Pisa-Studie. „Im Lesetest erzielten Jugendliche aus bessergestellten Familien über hundert Punkte mehr also solche aus schwierigen Verhältnissen“, sagt eine Sprecherin des Berliner OECD-Büros. „Das entspricht einem Abstand von gut zweieinhalb Schuljahren.“ Unter den entwickelten Staaten gehöre Deutschland „zu den Ländern mit der geringsten Chancengleichheit“.

Hinzu kommt, dass Eltern einen möglichen Aufstieg der Kinder sogar (unbewusst) boykottieren.

Oft lassen die Eltern ihre Kinder nicht los, obwohl sie für sie eigentlich nur das Beste wollen. Dann wird der Aufstieg schwer. Manche Eltern wollten ihren Kindern ein Scheitern ersparen. Oder sie sorgen sich, dass sie dem Nachwuchs auf der höheren Schule nicht helfen könnten.

Sozialer Aufstieg ist nicht nur ein Gewinn, er geht immer auch einher mit der Entfremdung vom eigenen Milieu und ist damit ein biographisches Risiko – trotz finanzieller Vorteile.

Es macht hier wenig Sinn, den ganzen Artikel zu zitieren, er lohnt sich auf jeden Fall ihn zu lesen.

Worüber aber überhaupt nicht gesprochen wird, ist die Frage, inwiefern sich denn tatsächlich eine höhere Bildung mit einem sozialen Aufstieg in Verbindung bringen lässt. Die Entwicklung geht doch immer mehr dahin, dass Studieren sich im Blick auf eine bessere Einkommenssituation je nach Studiengang kaum noch lohnt. Deutsche Universitätsabsolventen haben ein sehr hohes Durchschnittsalter, in der Zeit kann man als Facharbeiter schon ein Haus bauen oder kaufen. Und während es noch vor 40 Jahren relativ klar war, dass man mit einem höheren Bildungsabschluss automatisch in eine höhere Schicht und höhere Einkommensbereiche kommt, ist das heute nicht mehr selbstverständlich. Ich kenne genug Akademiker, die davon ein trauriges Lied singen können.

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