{"id":1462,"date":"2013-11-30T20:15:34","date_gmt":"2013-11-30T18:15:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/?p=1462"},"modified":"2013-11-30T20:49:56","modified_gmt":"2013-11-30T18:49:56","slug":"theologische-anfragen-an-ein-uberbewertetes-thema","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/?p=1462","title":{"rendered":"Theologische Anfragen an ein \u00fcberbewertetes Thema"},"content":{"rendered":"<p>Seitdem das EKD-Familienpapier in der evangelischen Kirche so gro\u00dfen Wirbel verursacht hat und es noch immer tut, und seit im w\u00fcrttembergischen Kirchenwahlkampf der Umgang mit Homosexuellen (Pfarrern) in der Kirche wieder einmal in den Blick genommen wird, seitdem denke ich nach. Beim Nachdenken und dem damit verbundenen Bibelstudium sind mir immer mehr Fragen gekommen, die ich nun einfach mal formuliere:<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie biblischen Stellen zur Homosexualit\u00e4t sind \u00fcbersichtlich. Es handelt sich im gro\u00dfen und ganzen um Lev 18,22 sowie Lev 20,13 im AT und R\u00f6m 1,26-27 im NT (hinzu kommen noch die beiden Stellen zu den Lustknaben und Knabensch\u00e4ndern, die ich allerdings weglasse weil es dabei definitiv um eine bestimmte Form von Abh\u00e4ngigkeit geht, die auch im heterosexuellen Kontext abzulehnen ist).<\/p>\n<p>Die Grundpr\u00e4misse aller biblisch begr\u00fcndeter Ablehnung von Homosexualit\u00e4t ist der R\u00fcckgriff auf die gute Sch\u00f6pfungsordung Gottes. Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, die Frau dem Manne zugeordnet und beiden befohlen, fruchtbar zu sein und die Erde zu f\u00fcllen. Rein biologisch geht das nur bei einem heterosexuellen Umgang. Das ist demnach die von Gott vorgegebene, nat\u00fcrliche Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Schauen wir nun ins Alte Testament. Da f\u00e4llt folgendes auf: Es geht in den besagten Bibelstellen im Buch Leviticus um Geschlechtsverkehr zwischen M\u00e4nnern, eine Stelle ist auch direkt an M\u00e4nner gerichtet: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel&#8220;<br \/>\n(Lev 18,22)<\/p><\/blockquote>\n<p>Umgekehrt finden wir allerdings nichts. Gar nichts. Es gibt im Alten Testament keine Stelle, bei der Homosexualit\u00e4t zwischen Frauen auch nur angesprochen &#8211; geschweige denn abgelehnt &#8211; wird. Das taucht einfach nicht auf. Das bedeutet also: Gott, der im AT in 613 Geboten den gesamten Alltag der Menschen bis hin zu Rasiergewohnheiten geregelt hat, hat zur Homosexualit\u00e4t von Frauen kein einziges Wort gesagt. Die Homosexualit\u00e4t von M\u00e4nnern ist allerdings im AT etwas ganz furchtbar schlimmes.<br \/>\nWie kommt das? Es hat vermutlich einen relativ einfachen Grund. In einer patriarchalen Gesellschaft ist es v\u00f6llig irrelevant, was Frauen untereinander machen. Es spielt keine Rolle, es ist unwichtig. Nur die M\u00e4nner z\u00e4hlen. Eine Einschr\u00e4nkung gibt es jedoch: Frauen d\u00fcrfen nicht mit Tieren Verkehr haben. Das wird abgelehnt (Lev 18,23 und Lev 20,16). Und genau wegen dieser Stellen kann man auch nicht einfach sagen, dass stillschweigend davon auszugehen ist, dass die Verbote f\u00fcr M\u00e4nner nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Frauen gelten. Denn der Verkehr mit Tieren wird explizit <em>f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen <\/em>verboten &#8211; die Homosexualit\u00e4t jedoch nicht.<br \/>\nSomit k\u00f6nnte man schlussfolgern, dass die damaligen Verfasser die m\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t als eine gewisse Bedrohung f\u00fcr sich selbst ansahen (und eventuell den weiblichen Verkehr mit Tieren als Konkurrenz) &#8211; nicht aber den rein weiblichen Verkehr (vermutlich weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass eine Frau den Mann &#8222;ersetzen&#8220; kann). Mit Gott hat das alles aber wenig zu tun.<\/p>\n<p>Was m\u00fcssen wir daraus schlie\u00dfen?<br \/>\n<strong>Wenn Homosexualit\u00e4t im AT deshalb S\u00fcnde ist, weil es der Sch\u00f6pfungsordnung widerspricht &#8211; dann h\u00e4tte Gott auch die weibliche Homosexualit\u00e4t verurteilen m\u00fcssen. Hat er aber nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Und nun?<\/p>\n<p>Halt, halt, halt! Gott hat ja die weibliche Homosexualit\u00e4t verurteilt. Im Neuen Testament! Allerdings hat nur Paulus etwas dazu gesagt, f\u00fcr Jesus war dieses Thema offensichtlich nicht von Belang (!!!). In R\u00f6mer 1 schreibt Paulus dar\u00fcber, dass die Menschen sich von Gott entfernt haben und dazu geh\u00f6rt auch in Vers 26:<\/p>\n<blockquote><p>Denn ihre Frauen haben den nat\u00fcrlichen Verkehr vertauscht mit dem widernat\u00fcrlichen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz eindeutig wird in diesem Abschnitt Homosexualit\u00e4t bei Frauen abgelehnt. Aber ist das tats\u00e4chlich so? Nun ja, was genau mit dem &#8222;widernat\u00fcrlichen&#8220; Verkehr gemeint ist, steht nicht da. Bei den M\u00e4nnern ist davon die Rede, dass sie &#8222;miteinander Unzucht treiben&#8220;. Bei den Frauen reicht aber offensichtlich der Hinweis auf die Abkehr vom nat\u00fcrlichen hin zum widernat\u00fcrlichen Verkehr. Interessanterweise kommt das Wort f\u00fcr Verkehr (&#8222;\u03c7\u03c1\u03b7\u03c3\u03b9\u03bd&#8220;) nur an dieser einen Stelle in der Bibel vor, \u00fcber Parallelen in der griechischen Literatur wei\u00df man aber, dass damit der Geschlechtsverkehr gemeint ist. <\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Frage: Was ist mit &#8222;widernat\u00fcrlich&#8220; gemeint? Dass dies Homosexualit\u00e4t ist, liegt nahe durch die m\u00e4nnliche Parallele &#8211; ist aber nicht gesichert. Es k\u00f6nnte ja in Anlehnung an die Stellen aus Leviticus (Paulus war schlie\u00dflich Schriftgelehrter) auch der Verkehr mit Tieren gemeint sein. Denn auch der w\u00e4re dementsprechend widernat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Wenn damit wirklich Homosexualit\u00e4t gemeint ist und die Begr\u00fcndung im &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; (also dem von der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsordnung her vorgegebenen) liegt, dann entsteht allerdings ein Problem.<br \/>\nHomosexuelle Frauen haben den nat\u00fcrlichen Verkehr mit dem widernat\u00fcrlichen vertauscht, weil sie damit eben nicht dem allerersten Gebot Gottes folgen k\u00f6nnen &#8211; der Vermehrung. Und gleiches gilt f\u00fcr homosexuelle M\u00e4nner.<br \/>\nAber wenn die Ma\u00dfgabe f\u00fcr &#8222;nat\u00fcrlichen Verkehr&#8220; Gottes Sch\u00f6pfungsordnung ist, die sich am Mehrungsgebot orientiert, dann geht diese Stelle ja noch weit dar\u00fcber hinaus. Denn &#8222;widernat\u00fcrlicher&#8220; Verkehr w\u00e4re demnach auch jeglicher Verkehr, der im Zusammenhang mit Verh\u00fctung geschieht. Es w\u00e4re zudem jeglicher Verkehr mit Sexualpraktiken, bei denen keine Zeugung m\u00f6glich ist, z.B. Oralsex.<\/p>\n<p>M\u00fcsste dann nicht in letzter Konsequenz aus dieser Argumentation mit der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsordnung folgen, dass in Teilen der Kirche (bis hin zum w\u00fcrttembergischen Pfarrhaus) nicht nur Homosexualit\u00e4t vehement verurteilt wird, sondern auch Verh\u00fctung und Oralsex? Wieso fordert das denn keiner? Kein widernat\u00fcrlicher Verkehr unter Christen, DAS w\u00e4re eine logische Folgerung. Macht aber niemand. Das w\u00e4re dann wohl doch zu hart. Dann lieber nur Homosexualit\u00e4t ablehnen. <\/p>\n<blockquote><p>Exkurs: Man stelle sich das einmal vor. Bei Gespr\u00e4chen werden Pfarrerinnen von Vertretern der Kirchenleitung gefragt, ob sie denn widernat\u00fcrlichen Sex praktizieren &#8211; also Verh\u00fcten oder auch Oralsex. Da w\u00e4r was los! Denn es ist nat\u00fcrlich indiskutabel, so etwas zu fragen. Aber das Geschlecht des Partners, DAS ist relevant. Zumindest bei Frauen ist dieses Vorgehen doch im Blick auf die biblische Begr\u00fcndung offensichtlich absurd.<\/p><\/blockquote>\n<p>Alternativ m\u00fcsste man sagen, vor allem im Hinblick auf die (nicht vorhandenen) Stellen im AT, dass eine grunds\u00e4tzliche Ablehnung von Homosexualit\u00e4t wegen eines Versto\u00dfes gegen die Sch\u00f6pfungsordnung doch ein recht schwaches Argument darstellt. Denn wieso sollte Gott es im AT bei M\u00e4nnern ablehnen und bei Frauen nicht? War es den Frauen m\u00f6glicherweise sogar erlaubt bis Paulus den R\u00f6merbrief geschrieben hat? Wieso hat Gott es sich pl\u00f6tzlich anders \u00fcberlegt? Fragen \u00fcber Fragen. Und so waren es m\u00f6glicherweise dann eben doch nur m\u00e4nnerdominierte, gesellschaftliche Auspr\u00e4gungen, die zu den verurteilenden Bibelstellen gef\u00fchrt haben. Und das sollte man dann beim Umgang mit Homosexualit\u00e4t in der Kirche ber\u00fccksichtigen, genauso wie man es mit anderen zweifelhaften Themen ja auch macht (siehe &#8222;die Frau schweige in der Gemeinde&#8220; oder Blutwurst).<\/p>\n<p>Im \u00fcbrigen kann meiner Meinung nach sogar das Gebot der Mehrung von gleichgeschlechtlich lebenden Menschen oder von Singles erf\u00fcllt werden. In dem sie n\u00e4mlich mit daran wirken, dass Kinder gut und sicher aufwachsen, in der Gesellschaft einen Platz haben und Familien unterst\u00fctzt werden. <\/p>\n<p><strong>Anmerkung:<\/strong><br \/>\nDieser Blogeintrag ist keine wissenschaftliche Abhandlung sondern soll nur ein Beitrag zur Diskussion sein. Gerne lasse ich mich auch eines Besseren belehren oder auf Fehler aufmerksam machen. Ich m\u00f6chte aber darum bitten, dass ein allzu biblizistisches Beharren auf den betreffenden Bibelstellen immer auch eine Begr\u00fcndung mitliefert, warum die (&#8222;b\u00f6se, b\u00f6se&#8220;) Homosexualit\u00e4t von Frauen im AT nicht vorkommt bzw. warum Gott die offensichtlich vergessen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seitdem das EKD-Familienpapier in der evangelischen Kirche so gro\u00dfen Wirbel verursacht hat und es noch immer tut, und seit im w\u00fcrttembergischen Kirchenwahlkampf der Umgang mit Homosexuellen (Pfarrern) in der Kirche wieder einmal in den Blick genommen wird, seitdem denke ich nach. Beim Nachdenken und dem damit verbundenen Bibelstudium sind mir immer mehr Fragen gekommen, die <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/?p=1462\">weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-1462","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kirche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1462","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1462"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1462\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theglade.com\/toleblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}